Wohnen · September ·
Das Haus im September – was sich jetzt ganz von allein verändert
Die erste kühle Nacht
Man weiß vorher nie, welche es sein wird.
Irgendwann Anfang September gehst du abends ins Bett wie immer, das Fenster gekippt, weil das den ganzen Sommer über so war. Und morgens um sechs wachst du auf, weil dir kalt ist. Nicht unangenehm kalt – nur so, dass du die Decke höher ziehst und noch einmal einschläfst.
Das ist sie dann gewesen.
Bei mir war es letztes Jahr eine Nacht Mitte September, und ich habe es erst am Morgen gemerkt, als ich barfuß in die Küche bin. Die Dielen waren kalt. Nicht kühl wie im Sommer, wenn die Sonne noch nicht drauf war, sondern richtig kalt, von unten. Ich bin zurück und habe Socken angezogen, und irgendwann im Laufe des Tages ist mir aufgefallen, dass ich sie nicht mehr ausgezogen hatte.
Es gibt keinen Tag, an dem der Sommer endet. Aber es gibt diese eine Nacht, nach der das Haus anders ist.
Der Morgen danach
Bei uns zeigt es sich am Morgen danach zuerst an den Fenstern.
Nur unten, nur ein Streifen, und bis neun ist er weg. Aber er ist da, zum ersten Mal seit Mai. Ob das bei dir auch so ist, hängt vom Haus ab – alte Fenster nehmen es einem deutlich schneller übel als neue. Draußen liegt Tau auf dem Gras, so viel, dass man Fußspuren darin sieht. Und wenn du die Tür aufmachst, riecht es nach nasser Erde statt nach warmem Stein.
Kaffee trinke ich in diesen Wochen trotzdem noch draußen – aber eben mit einer Decke über den Knien, die abends auf dem Gartenstuhl liegen bleibt und morgens klamm ist. Das geht ungefähr drei Wochen lang gut, und es sind die schönsten drei Wochen des Jahres.
Das Licht kommt anders herein
Die auffälligste Veränderung im Haus ist eine, die niemand macht.
Im Hochsommer steht die Sonne so hoch, dass das Licht fast von oben kommt. Es fällt auf die Fensterbank und bleibt dort. Im September steht sie tiefer, und plötzlich reicht das Licht bis in den Raum hinein – über den Boden, an die gegenüberliegende Wand, auf Dinge, die den ganzen Sommer im Schatten standen.
Bei uns wandert morgens ein Lichtstreifen über die Kommode im Flur, der im Juli nicht da war. Am Abend liegt er auf der Küchenwand. Und beide sind schärfer als im Sommer – längere, klarere Schatten, weil die Luft klarer ist.
Das verändert Räume mehr als jede Dekoration. Es lohnt sich, ein, zwei Wochen einfach zu beobachten, wo das Licht jetzt hinfällt. Meistens will man danach irgendetwas umstellen – nicht, weil es Herbst wird, sondern weil an dieser einen Stelle jetzt nachmittags die Sonne steht.
Nebenbei ändert sich auch, was an den Fenstern hängt. Die dünnen, fast durchsichtigen Sommergardinen aus Leinen sind ab jetzt eher hinderlich – im Sommer sollen sie dämpfen, im September will man jedes bisschen Licht behalten. Bei mir kommen sie Ende des Monats ab, und das Fenster bleibt bis März nackt.
Die Fenster bleiben abends zu
Der Moment, an dem das Haus wieder ein Innen bekommt.
Den ganzen Sommer über steht bei uns alles offen. Terrassentür, Küchenfenster, Flurfenster – morgens auf, abends manchmal gar nicht zu. Der Übergang zwischen drinnen und draußen ist im Juli praktisch nicht vorhanden, und das ist ja das Schöne daran.
Im September endet das, und zwar zuerst abends. Man sitzt am Tisch, merkt, dass es zieht, und steht auf und macht das Fenster zu. Beim ersten Mal denkt man sich nichts dabei. Nach einer Woche macht man es, bevor es zieht.
Das ist der Punkt, an dem das Haus wieder zu einem Raum wird statt zu einem überdachten Teil des Gartens. Und ich glaube, das ist der Grund, warum man ab September wieder anfängt, über das Wohnen nachzudenken – nicht, weil eine neue Deko-Saison beginnt, sondern weil man sich plötzlich wieder länger drinnen aufhält.
Was wieder aus dem Schrank kommt
Hier passiert das meiste, und fast alles davon ist Textil.
Die Decke, die den Sommer über zusammengefaltet im Schrank lag, liegt ab Mitte September wieder über der Sofalehne. Nicht dekorativ drapiert – einfach dort, wo sie am Abend liegen bleibt. Dann kommen die Socken, die man seit Mai nicht angehabt hat. Dann ein zweites Kissen aufs Sofa, weil man abends anders sitzt: nicht mehr aufrecht mit einem Glas in der Hand, sondern eingerollt.
Und der Tisch verändert sich. Im Sommer ist er meistens leer oder hat höchstens eine Schale drauf. Ab September liegt wieder Stoff darauf – bei mir ein alter Leinenläufer, den ich vor Jahren selbst genäht habe und der inzwischen so weich ist, dass er sich in jede Falte legt.
Dazu kommt eine Sache, die mit Wohnen wenig zu tun hat und trotzdem dazugehört: Man räumt wieder Schubladen ein. Bei mir ist es immer die Küchenschublade mit den Backsachen, die den ganzen Sommer über niemand aufgemacht hat und die Ende September plötzlich wieder täglich benutzt wird. Der Backofen läuft ab jetzt wieder mehrmals die Woche, und damit ändert sich auch, wie das Haus riecht.
Der Abend fängt früher an
Zwischen Ende August und Ende September fehlt uns abends plötzlich mehr als eine Stunde Licht.
Das passiert in vier Wochen, und man merkt es nicht als Veränderung, sondern als Gefühl: dass der Abend länger geworden ist. Er ist nicht länger, er fängt nur früher an.
Praktisch heißt das, dass man wieder Lampen anmacht, solange man noch wach und aktiv ist – nicht erst kurz vorm Schlafengehen. Und damit wird Licht wieder eine Entscheidung. Im Juli ist es egal, welche Lampe brennt, weil sie ohnehin kaum eine Rolle spielt. Im Oktober bestimmt sie den ganzen Raum.
Deshalb fange ich im September an, abends nur noch die kleinen Lampen anzumachen statt der Deckenbeleuchtung, und stelle eine Kerze dazu. Nicht als Deko-Idee, sondern weil das Licht sonst zu hell für die Uhrzeit ist.
Niemand hat etwas entschieden
Wenn ich das alles zusammennehme – die Socken, die Decke, das geschlossene Fenster, der Läufer auf dem Tisch, die Kerze am Abend –, fällt mir auf, dass ich keine einzige dieser Sachen bewusst getan habe.
Es gab keinen Nachmittag, an dem ich das Haus auf Herbst umgestellt habe. Es gab nur eine Reihe von Momenten, in denen mir kalt war oder zu hell oder zu zugig, und in denen ich das Naheliegende getan habe. Das Haus hat sich umgestellt, und ich habe hinterhergeräumt.
Ich glaube, das ist der Grund, warum sich der September so mühelos anfühlt und der Oktober manchmal nicht. Im September reagierst du nur. Erst später fängt man an, Dinge herzurichten.
Und wenn du wissen willst, wo das hinführt: Das leise Zuhause im November ist die Fortsetzung dieses Gedankens, ein paar Monate weiter. Da ist der Umbau dann abgeschlossen, und übrig bleibt vor allem Ruhe.
Bis dahin: Zieh Socken an, wenn dir kalt ist.
Das ist schon der ganze Herbstanfang.
– Jona
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